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80 Grad Nord – Spitzbergen und Arktis

  • Autorenbild: Irene Sieber
    Irene Sieber
  • 9. Mai 2024
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 20. Juni

Anfang Mai 2024 verbrachte ich acht Tage auf einer Expedition rund um Spitzbergen und der Arktis. Als eines der ersten Schiffe der Saison wagte sich die MS Stockholm auf der westlichen Route rund um Spitzbergen und die Arktis. Ganz ohne Risiko ist so eine frühe Schiffsreise ins Nordpolarmeer nicht. Es stellte sich jeden Tag von neuem die Frage, ob die geplante Route mehrheitlich eisfrei und somit befahrbar sei. Die Situation kann sich innert Tagesfrist komplett verändern. Wo gestern eine eisfreie Passage war, kann Wind und Strömung das Packeis so dicht und dick zusammentreiben, dass am nächsten Tag auch für die MS Stockholm kein Durchkommen ist. Die schwedische Crew rund um Kapitän Magnus ist ungemein erfahren und hat alles dafür getan, die geplante Route für uns zu durchfahren. Als erstes Schiff fuhr die MS Stockholm durch den berüchtigten «Forlandsundet», eine die Reise verkürzende Route zwischen dem Festland von Spitzbergen und der vorgelagerten Insel Forland, gefürchtet wegen ihrer starken Strömungen.



MS Stockholm

Die MS Stockholm ist ein altehrwürdiges, klassisches Schiff, welches ursprünglich 1953 für die schwedische Schifffahrtsverwaltung gebaut wurde. Im Jahr 1998 wurde sie komplett überholt und trat ihre neue Reise als Polarexpeditionsschiff an. Mit ihren schönen Messingdetails und Holzdecks ist die MS Stockholm ein beeindruckendes Stück maritimer Geschichte, wegen ihres Charmes und ihrer Eleganz schlichtweg einzigartig. Seit 25 Jahren ist sie in den schwierigen Gewässern Spitzbergens unterwegs und hat bewiesen, dass sie auch entlegene Orte erreichen kann, die für grössere Schiffe unzugänglich sind.



Nach der Landung in Longyearbyen, der einzigen Siedlung auf Spitzbergen, ging es direkt an Bord. Nach der Zuweisung der Kabine und einer schnellen Verstauung des Gepäcks wurde schon in die gemütliche Lounge gerufen. Bei einem Welcomedrink erhielten alle acht Teilnehmer ein ausführliches Briefing für das Leben und Verhalten an Bord, sowie den geplanten Fahrten und Anlandungen mit den Zodiacs.  Wetsuits und Rettungs-westen wurden zusammengestellt und für jeden individuell angepasst. Ein grosser Teil des Briefings betraf selbstverständlich das Verständnis für dieses einzigartige, fragile Ökosystem und die Herausforderungen, mit denen die arktische Tierwelt konfrontiert ist.

Die MS Stockholm ist Mitglied der AECO, «Association of Arctic Expeditions Cruise Operators». Diese Organisation stellt einen nachhaltigen und umweltfreundlichen Tourismus in den bereisten Gebieten sicher. Sie ist vor allem bestrebt, Expeditionen mit dem grösstmöglichen Respekt vor Natur und Tierwelt durchzuführen.



Der Eisbär (Stunden über Stunden am Feldstecher)

Ein grosses Ziel jeder Arktisexpedition ist natürlich die Sichtung des Eisbärs. Ihn in der schier unendlichen Weite des Packeises zu finden, gestaltet sich ähnlich schwierig wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Alle acht Teilnehmer standen Stunden über Stunden mit dem Feldstecher an der Reling und suchten das Packeis und die Eiskanten des Festlandes ab. Die Guides und ein Teil der Crew tat dasselbe auf  der Brücke. Bei –8 Grad und teilweise starkem Wind hält man das meist nicht länger als eine Stunde aus. In der gemütlichen Lounge gab es aber immer heissen Kaffee, Tee und Schokolade. Man konnte sich aufwärmen und wieder Leben in die steifen Finger bringen.

Wir hatten während der ganzen Expedition vier Eisbärsichtungen, drei davon nah genug, um tolle Fotos zu schiessen. Keiner einziger Eisbär wurde von den Reiseteilnehmern entdeckt. Es war unglaublich, wie versiert und ausdauernd unsere Guides waren! Selbst durch den Feldstecher nur als winzige gelbliche Punkte sichtbar, war jeder ihrer «Eisbäralarme» ein Treffer.

Bei einer Sichtung, die für eine Fahrt mit dem Zodiac geeignet war, hiess es, in 15 Minuten bereit sein. Ab in die warmen Kleider, dann in den Wetsuit, die Rettungsweste überziehen, die ganze Fotoausrüstung wasserdicht verpacken und los ging es! Wir sahen, dass der Eisbär entlang der Eiskante nordwärts lief und positionierten uns mit unserem Zodiac ungefähr einen Kilometer vor ihm. Nun kam das gespannte Warten – kam er in unsere Richtung oder wählte er seinen Weg landeinwärts? Er kam! Erst nur als kleiner Bär in der Ferne sichtbar, kam er direkt in unsere Richtung. Es war ungemein schwer, sich zurückzuhalten und nicht schon beim ersten Anblick dauernd auf den Auslöser zu drücken. Aufmerksam und doch scheinbar unbeeindruckt beäugte er uns immer mal wieder, zog an uns vorbei und verschwand so lautlos wie er gekommen war um die nächste Bergkante. Boooah, was für ein Gänsehautmoment! Auch auf dem Zodiac war es still, wir alle waren ergriffen und schauten uns nur voller Begeisterung an. Was für eine Begegnung mit dem König der Arktis!



Auch unsere zweite Begegnung war ein Riesenspektakel. Wir hatten in einer ruhigen Bucht an der Eiskante für die Nacht geankert und sassen um 22.30 Uhr beim Schlummertrunk in der Lounge. Einige hatten sich schon zum Schlafen in die Kabine zurückgezogen. Wir hörten ein lautes Poltern auf der Treppe von der Brücke. Christian, unser Super-Guide hatte einen Eisbären entdeckt. (Anmerkung: Auf dem 80. Breitengrad Nord geht die Sonne bereits Anfang Mai nicht mehr unter, sie streift nicht einmal den Horizont, d.h. es gibt nur eine leichte Dämmerung). Wieder einmal hiess es: alles anziehen - von langer Unterhose, bis zu Mütze und Handschuhen, Kamera packen und raus.

In weiter Ferne zog ein Eisbär entlang eines mächtigen Gletschers seines Weges. Ob sein Weg wohl in unsere Richtung führt? Lange beobachten wir ihn, immer kleiner wurde er und verschwand hinter einer Bergkante, viel zu weit weg, schade. Christian meinte allerdings, es bestehe eine Chance, dass der Eisbär über die Bergkante in die nächste Bucht wandere und wir ihn dort am nächsten Morgen erwischen könnten. Die Pläne wurden geändert, der Anker gelichtet und in die nächste Bucht gefahren, während wir uns in unsere Kojen schlafen legten. 2.30 Uhr, wieder lautes Poltern und Hämmern an die Kabinentür. Christian hatte recht – er war gekommen! Vom Pyjama in die ganze Polarausrüstung so schnell wie möglich. Und wie er kam! Auf äusserst fotogenem, wunderschön strukturiertem Packeis kam er direkt auf die MS Stockholm zu und näherte sich uns sicher bis auf ca. 250 Meter.

Grandios, überwältigend… nochmals ein solch nahe Begegnung, fast Auge in Auge. Ein Erlebnis, dass ich nie vergessen werde.



Walrosse und Robben

Walrosse und Robben sind viel leichter zu finden. Da sie sich meist in Gruppen auf dem Packeis oder Eisschollen aufhalten, kann man sie mit dem Feldstecher als dunkle Fläche relativ gut erkennen. Die Seehunde und Bartrobben sind in kleineren Gruppen anzutreffen, die Walrosse schliessen sich oft – vor allem während der Paarungszeit – zu grossen Verbänden zusammen.

Das Aussehen der Seehunde und Bartrobben mit ihren grossen Augen und dem unschuldigen Gesichtsausdruck begeisterte alle. Die Sichtung der Walrosse rief ebenfalls Begeisterung hervor, jedoch fanden die meisten ihr Aussehen nicht wahrlich schön und auch nicht fotogen. Ich bin da anderer Meinung: Ein Ausbund an Schönheit sind sie vielleicht nicht, mich faszinierten diese urtümlichen Kraftpakete, die bis zu 1200 kg schwer werden können. Trotz ihrer grossen Masse verleihen ihnen ihre sensiblen Tasthaare und die kleinen Augen einen sanften Gesichtsausdruck. Friedliche Gesellen.



Seevögel und der Zwergwal

Zu diesem frühen Zeitpunkt sind die gefiederten Gäste aus dem Süden noch nicht da und die Seevögel des Nordatlantiks, wie zum Beispiel Papageitaucher haben ihr Brutgeschäft noch nicht begonnen und leben noch weit weg auf dem offenen, eisfreien Meer.

Eismöwen und Eissturmvögel sind die ständigen Begleiter, wenn das Schiff auf Fahrt ist. Es ist eine Freude, diese anmutigen und geschickten Flieger zu beobachten.

Eiderenten, Gryllteisten und Lummen gehören zu den dauerhaften Bewohnern des Polarmeers und haben schon mit der Brautwerbung begonnen. Dies ist zeitweise lautstark zu hören.

Ganz kurz zeigte sich auch noch ein Zwergwal in einer Bucht… ich konnte in diesen 5 Sekunden lediglich ein Foto mit seiner markanten Finne schiessen, schon war er wieder abgetaucht. Eine tolle Begegnung allemal.



Ich hoffe, ich konnte dich mit meinem Reisebericht und meinen Fotos unterhalten und dir einen kleinen Einblick in diese faszinierende arktische Welt geben. Ich bewundere den Mut und die Hartnäckigkeit der Tiere und wie sie sich in diesem schwierigen Lebensraum behaupten.


Vielen Dank für deine Aufmerksamkeit.

Herzlich – Irene


 
 
 

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