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Jackpot im Bergparadies

  • Autorenbild: Irene Sieber
    Irene Sieber
  • 3. Aug. 2023
  • 3 Min. Lesezeit

Ein ganz spezieller und sehr schwer zugänglicher Ort in den Schweizer Alpen stand schon lange auf meiner fotografischen «Projektliste».

Zuhinterst in einem Talkessel auf über 2300 Meter über Meer liegt ein kleines Hochmoor, dort blüht im Bergsommer Wollgras in Hülle und Fülle. Durch das Hochmoor fliesst gemächlich und schön geschwungen ein stilles Gewässer, gespeist von den umliegenden Berghängen. Die Sonne wird gegen-über, hinter der eindrucksvollen Bergkette aufgehen und soll das Wollgrasmeer in ein sanftes Morgenlicht tauchen – ein perfekter Morgenspot… soweit der fotografische Plan.

Der Plan für die Umsetzung gestaltete sich aufwändiger. Es muss so vieles zusammenstimmen, die Blüte des Wollgrases, möglichst windstill muss es sein, dass das Wollgras scharf ist und nicht im Wind zittert. Mindestens drei Tage vorher stabiles Wetter ohne Gewitter und Regen. Zuviel Wasser nach einem heftigen Gewitter oder zahlreiche Regentage überfluten das Hochmoor. Die Tour ist nicht an einem Tag machbar, setzt also eine Übernachtung voraus, um den Sonnenaufgang einzufangen. Will heissen: Man plant das Biwakieren ein und trägt die entsprechende Ausrüstung (nebst der ganzen Fotoausrüstung) mit: Zelt, Schlafsack, Essen und Trinken, sowie warme Kleidung. Die Tiefsttemperaturen in diesen Höhen bewegen sich auch Sommer um die 4 Grad.

Zu guter Letzt, es führt kein markierter Bergwanderweg dorthin, den besten und trittsichersten Weg zu finden ist reine Gefühls- und Glückssache.

So haben mein geschätzter Fotografenfreund Marc Bovard, seine Freundin Heidi und ich uns die letzte Juliwoche reserviert, in der Hoffnung, dass in dieser Zeit alles einmal zusammenpassen würde.

Die Wetterprognosen sahen für Ende der Woche vielversprechend aus, also machten wir uns auf in die Berge. Ein letztes warmes Essen im Tal, anschliessend die Wanderschuhe montiert, das Gepäck geschultert und losmarschiert.



Die ersten 300 Höhenmeter Aufstieg verliefen noch auf einem steilen aber machbaren und markierten Bergwanderweg. Danach zweigt der Wanderweg in eine andere Gegend ab, den Abstieg Richtung Hochmoor mussten wir uns selber suchen. Zum Teil versperrten riesige Felsen unsere Marschrichtung und mussten umgangen werden, bisweilen eine rechte Kraxelei. Jeder Schritt musste vorausschauend geplant sein, der schwere Rucksack schwang bei grossen Ausfallschritten immer nach und erhöhte die Trittsicherheit gar nicht. Ein paar ganz steile Abschnitte rutschte ich sicherheitshalber auf dem Hosenboden herunter 😁🙈. Auf halber Strecke tauchte nach einer Bergflanke plötzlich der kleine See unterhalb des Moors in unserem Blickfeld auf und wir wussten: Wir sind auf dem richtigen Weg.



Beflügelt kletterten wir die letzten Höhenmeter hinunter zum Seelein, eine kurze Rast und entlang des Bachs auf der gegenüberliegenden Seite wieder hinauf. Es eröffnete sich der Blick auf ein unberührtes kleines Bergparadies, mittendrin das Hochmoor mit abertausenden blühenden Wollgrasbüscheln.

Den Stellplatz für die Zelte suchen, aufstellen, einrichten und die Verpflegung, alles ging in Windeseile. Marc und ich wurden vom Fotofieber, gepackt wir wollten so schnell wie möglich die optimalen Fotostandorte suchen und waren begierig auf das Abendlicht. Wir hätten uns nicht so beeilen müssen. Das Licht war eher mässig und flach und je näher der Sonnenuntergang rückte umso mehr verdichtete sich die Bewölkung und liess zum Schluss gar kein Sonnenlicht mehr durch. Diese dichte Bewölkung bremste unsere Zuversicht für den kommenden Morgen. Ein wenig ernüchtert krochen wir in unsere Zelte und stellten die Handywecker auf 4.45 Uhr.



4.45 Uhr, Kopf aus dem Zelt, es war noch recht dunkel, trotzdem konnten wir die nach wie vor dichte Bewölkung und den wabernden Nebel im Talkessel erkennen. Nur am Zenit schimmerten milchig ein paar Sterne – keine optimalen Voraussetzungen. Wir beschlossen uns noch 30 Minuten im Schlafsack zu gönnen und erst dann aufzubrechen. Nach einer halben Stunde ein ganz anderes Bild! Ein Grossteil der dichten Bewölkung hatte sich verzogen, die Restbewölkung der hereinziehenden Warmfront war genau richtig, das erste zarte Orange am Himmel. Jetzt aber los!


Was dann am Himmel und am Horizont passierte war spektakulär, ein wahres Himmelsfeuerwerk!

Die aufgehende, aber noch nicht sichtbare Sonne, liess die Wolken in allen inten-siven Violett-, Rosa- und Orangetönen erglühen. Der angestrahlte Wollgrasblüten-teppich nahm einen zarten Rosaton an, das Gewässer, dass sich durch das Wollgras schlängelt reflektierte das himmlische Feuerwerk. Und also ob das nicht genug Spektakel war, floss als Sahnehäubchen in der Ferne auf der gegenüberliegenden Berg-kette der Nebel die steilen Bergflanken hinunter. Marc und ich kriegten uns fast nicht mehr ein hinter unseren Stativen.

Es war nur noch „boaaahh, wooow, guckst du, aaahhh und ooohhh zu hören.“ Wir wussten, das ist der Jackpot, der fotografische Lotto-Sechser! Diesen wunderschönen Platz in einer noch spektakuläreren Stimmung zu fotografieren ist schlicht und weg nicht möglich. Selbst fast eine Stunde später, als Licht flach und grell wurde, konnten wir uns nur schwer von diesem Ort trennen und die Ausrüstung zusammenpacken. Als zweites Sahnehäubchen erwartete und Heidi bei den Zelten mit warmem Tee und Biberli.

Was für ein Schauspiel! Eine tiefe Dankbarkeit erfüllte uns alle drei, diesen unbezahlbaren Morgen miteinander in der Natur erlebt zu haben. Jackpot im Bergparadies!



 
 
 

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